POP, PUNK, KUNST UND DIE ACHTZIGER

Blixa Bargeld, Gudrun Gut, Beate Bartel, … oder Dr.Motte, Pyrolator und FM Einheit. Dieses Kaliber von Künstlern revolutionierte die Popmusik zu Beginn der 80er. Es war eine kurze Zeit der absoluten Verschmelzung von Kunst und Musik. Herrlich, ich sags euch, denn ich hab mir davon ein Bild gemacht: Das Haus der Kunst in München zeigt noch bis zum 11. Oktober unter dem Titel „Geniale Dilletanten“ eine Ausstellung zur Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland. Ein Einblick in den Zeitgeist, in das damals vorherrschende Denken der Künstler und Bands um Einstürtzende Neubauten*, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Freiwillige Selbstkontrolle oder auch Der Plan wird geboten.

 

Damals war das Motto „Provokation vor Erfolg“ statt „Stil vor Talent“. Dieser Geist ließ sich in einem Konzert mit dem Titel „Geniale Dilletanten“ 1981 im Berliner Tempodrom erleben. (Dilletanten schreibt man eigentlich so: Dilettanten; der Schreibfehler sei beabsichtigt gewesen). Und ebendieser Titel benennt nun auch die kurze Epoche des Aufbruchs einer alternativen Künstlerszene in Deutschland. Dieser ging es vorallem um lautstarken Protest gegen kulturellen Mainstream, aber auch darum, neue musikalische und künstlerische Mittel zu entdecken und zu leben. Es kam nicht darauf an, zu wissen, wie ein Instrument gespielt wird, nicht darum, bestimmte Gesangstechniken zu beherrschen, sondern einfach zu musizieren, egal wie.

Die Ausstellung stellt auf Stellwänden verschiedene Bands vor, die diese Zeit geprägt haben. Es gibt die Möglichkeit Musikvideos und Interviews anzuschauen, auf Ipads lässt sich in Alben reinhören. „Die breit angelegte Ausstellung präsentiert Protagonisten und Treffpunkte der künstlerischen Szenen in verschiedenen Städten, und bietet Einblicke in die vielfältigen Netzwerke. Nicht zuletzt werden zeitgleiche Entwicklungen in Kunst, Film, Mode und Design thematisiert.“ heißt es im Ankündigungstext.

Das Besondere dieser Zeit und Musik: Die vorgestellten Bands waren eben nicht nur Musiker. Die hamburger Gruppe Palais Schaumburg etwa wurde von den Kunststudenten Holger Hiller und Thomas Fehlmann gegründet. Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.) wurde von Redaktionsmitgliedern des Münchner Underground Magazins Mode & Verzweiflung ins Leben gerufen. Ihre Auftritte und Werke gleich als künstlerische Performance, als Kunstobjekt und Installation nahm die Gruppe Die Tödliche Doris war, die sich dann auch in einer Performance mit dem Titel Das war die Tödliche Doris (1980-1987) auflöste. Die Verwischung zwischen Musik, Kunst und Performance war perfekt. Alle Bands haben die Hinwendung zur deutschen Sprache gemein, eine Abgrenzung vom „amerikanischen Kulturimperialismus“ wie es die Band Deutsch Amerikanische Freundschaft (D.A.F.) formulierte. Jedoch belehren wollten sie auch nicht: „Das ist keine Predigt, das ist ne Party.“ – sagt der Sänger der Band D.A.F. in einem Interview. Es wurde mit Instrumenten experimentiert und  Neue erfunden. Es wurde auf Schrott musiziert, es wurde elektronisch verzerrt und somit der Weg geebnet für das was später mal Techno werden sollte. Und weil man rebellierte wurde auch geschrien, und gänzlich unangepasst gesungen … punkiger und noise sound waren die Konsequenz.

 

 

Die bildenden Künste bekannten sich zu dem Denken der Musikkünstler. Mit stilistischen Regeln wurde gebrochen, es wurde hektisch und schnell gemalt. Auch das Moment der Verschmelzung von Kunst und Musik wird zum Beispiel von Rainer Fetting in dem Werk Ed Mobutu III thematisiert. Ein Musiker ist vollkommen eins mit seinem Instrument, er verschwimmt in einem blauen und roten Farbklang auf der Leinwand. Die Hektik, das Unverbindliche zeigt Bernd Zimmers wird 1/10 Sekunde vor der warschauer Brücke. Das Werk entstand auf 29 Metern Leinwand innerhalb von drei Tagen in Berlin.

 

Wie diese Strukturen, diese Bewegung dann auseinander fallen konnten? It ate itself. Einige Künstler liefen dann doch zu den „Mächten“ über, gegen die zunächst angesungen wurde. Nachdem der Stil einige Jahre Anerkennung fand, lief er im Kommerz der Neuen Deutschen Welle aus. Bands die mich aus der Gegenwart an den Stil der „Absoluten Dilletanten“ spontan erinnerten waren Frittenbude, Deichkind, oder auch die Band Erfolg oder HGich T. – Darüber lässt sich freilich streiten, jedoch wäre ein Vergleich sicherlich interessant…

Was der Ausstellung gut bekommt, ist ihre Kleinheit. In nur zwei Räumen werden auf vier Aufstellern Bands vorgestellt und an den Wänden Bilder gezeigt. In den in sich geschlossenen Räumen, die keine Verbindung zu den anderen Ausstellungen des Haus der Kunst haben, stellt sich Ruhe und Gelassenheit ein, um sich ausgiebig mit den Werken beschäftigen zu können. Man eilt nicht von einem zum nächsten, sondern verweilt und bekommt große Lust, sich mit dem ein oder anderen Künstler näher zu beschäftigen. In meiner nachträglichen Auseinandersetzung mit der Band „Der Plan“ fand ich unteranderem dieses Video.

Wer die Ausstellung besuchen möchte, kann das noch bis zum 11. Oktober tun. Besonders fein wäre es ja, den Ausstellungsbesuch noch mit einem Konzertbesuch zu verbinden. Auch das ist möglich. Am 8. Oktober spielen Die Goldenen Zitronen gemeinsam mit Ornament und Verbrechen ein Konzert im Rahmen der Ausstellung. Beide Bands gründeten sich Anfang der 1980er-Jahre – die eine in Ostdeutschland, die andere im Westen – und waren Teil einer kurzen Epoche künstlerischen Aufbruchs.

Ticket kaufen? Hier.

„Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ wurde als Tourneeausstellung des Goethe-Instituts konzipiert und für die Präsentation im Haus der Kunst maßgeblich erweitert.“ Kuratiert von: Mathilde Weh, Ulrich Wilmes

INFORMATIONEN ZUR AUSSTELLUNG

ÖFFENTLICHE FÜHRUNG / DEUTSCH

→ Samstag, 03.10, 15 Uhr

→ Sonntag, 04.10, 13.30 Uhr

→ Samstag, 10.10, 15 Uhr

GUIDED TOUR / ENGLISH

→ Friday, 09.10, 18.30 Uhr

KOSTEN FÜR EINTRITT:

12 € / ermäßigt 10 €

Schüler und Jugendliche unter 18 Jahren: 5 €

Kinder unter 12 Jahren: frei

 

 

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