Verwirrend, irritierend, ambivalent.

„Hallo, ich bin da um die Band zu interviewen.“

„Wissen die Bescheid?“ 

„Ich denk schon.“

„Dann gehen wir mal hoch.“

(c) City Club Augsburg


Ich laufe dem mittzwanziger Barman vom City Club Café hinterher, die Treppe hoch in den City Club, Augsburg, Bayern. Früh am Abend ist’s. Ich bin schon oft hier gewesen. Nachts zum Tanzen und zu Konzerten; mit Freundinnen, mit meinem Freund; Knutschend und in Ecken herumdrucksend. Bei Tageslicht wirkt hier alles, das Gebäude, die Treppe und schließlich der Club, ehemals ein Striplokal, noch bizarrer als bei Nacht. So, als ob ich eigentlich zu dieser Uhrzeit nicht hier sein sollte. Die geschwungene Bar (auf der ehemals ein elektrischer Tanzbär tanzte), die Gläser, der Alkohol in den Regalen, die Anlage und die schwarz angelaufenen Holzdielen scheinen sich vor dem einstrahlenden Sonnenlicht zu verstecken. Von den Wänden grüßt der nackte Putz, jede Geschichte wurde von ihnen herunter gehauen – Jedoch atmen ihre Löcher und Unregelmäßigkeiten in der Struktur noch leise: Wir haben viel gesehen und gehört. Hier ist viel passiert.
Irgendwie fühle ich mich ertappt.

Dieser wunderliche Ort passt so herrlich als Spielstätte zu SONNY AND THE SUNSETS. – Die Band, wegen der ich heute hier bin und auf dessen Sänger Sonny ich noch warten muss.
So frivol, unangepasst, pikant, von alten Dingen, von altem Geschmack und alter Musik inspiriert wie dieser Ort und so unregelmäßig wie die Wandstruktur ist auch die Musik der aus San Francisco stammenden Band. Fröhlich und melancholisch zugleich klingt sie dank surf-poppiger Töne in die ein wenig folk-pop wie ein Gewürz eingestreut ist. Den Musiker und Illustrator Michael Hurley gibt die Band als Referenz auf der Website an. Ich kannte ihn nicht, habe ihn mir dann aber gleich angehört und es stimmt. Hört euch Hurley an und dann Sonny, und man weiß, was sie meinen.

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=XDASmURNW6M

 

Einem bestimmten Stil bleiben SONNY AND THE SUNSETS nie treu. Das einzig Bleibende ist, dass sich alles im Rahmen des psychedelic pop bewegt, der jedoch kräftig in jede Richtung ausgespielt und überspannt wird. Alle zwölf Veröffentlichungen, die seit 2009 erschienen sind, haben ihren eigenen Sound. Alle sind von unterschiedlichen Dingen inspiriert und erzählen kleine Geschichten. Sei es die Story of an Earth Girl oder Long Time Companion, ein Album, was Sonny nach der Trennung von seiner Frau geschrieben hat. Oder Antenna To The Afterworld, dies wurde von dem Tod zweier Freunde von Sonny und seine Verbindung zu ihnen angestoßen. – Tod, das Außerirdische, das Unfassbare, das nicht Verständliche, kurz: das Fantastische und schließlich die Liebe sind wiederkehrende Motive in den Stücken von Sonny.

Da kommt er dann auf mich zu, müde wirkt er und ist sehr zurückhaltend. Wie ihm das Lokal gefällt will ich wissen. „Oh it’s like a commune.“ sagt er und wirkt dabei seltsam deplatziert und irritiert. Wir setzten uns draußen vors Café; ich fühle mich lästig, Sonny gibt sich jedoch Mühe und wir kommen auf sein letztes Album zu sprechen. Talent Night At The Ashram (veröffentlicht am 12.02.2015) entstand aus dem Versuch mehrere Geschichten in Kurzfilme umzusetzen. Die Filme haben ihm jedoch nicht gefallen. Why? frage ich. „You know …. The actors were bad and … I don’t know. The films didn’t surprise me. There was no magic when I watched them.“ Ich sage dann, dass ja vielleicht nur er fand, dass die Filme schlecht sind; manchmal ist man ja sehr kritisch, zu kritisch mit sich selbst und den Dingen die man tut. Eigentlich finden andere sie meistens super. Ein bisschen muss er dann schmunzeln. Yeah, but the things worked out, like I expected them to do. But there was nothing coming around. Nothing.“

„Nothing“ – das ist wirklich das letzte was man beim Hören des neusten Werks empfindet. Die missglückten Kurzfilme hat Sonny nämlich dann in Songs verwandelt. Herausgekommen ist Talent Night At The Ashram. Eine Versammlung kleiner Geschichten. – Irritiert lassen sie einen mitunter zurück. Nie lässt sich alles genau verstehen, nie lassen sich die Geschichten ganz umreißen, die nicht nur mit Worten, sondern besonders mit der Musik und den Melodien erzählt werden. Ein Synth hier und ein tiefer Bass da reißen alles surf-poppige in einem Moment herum und alles klingt neu. So kommt es zu dem „verschwurbelten“ Klang, wie es so passend im Ankündigungstext des Konzerts heißt.

Unser Gespräch nimmt dann ein jähes Ende. Wir hatten über das Touren gesprochen. Der vielleicht um die vierzig Jahre alte Sänger hatte mir erklärt, dass er eigentlich keine Lust habe zu touren, dass er es verrückt findet hunderte Kilometer zu fahren, in der Ferne zu sein, nur um vor fremden Leuten seine Lieder zu singen. Kreativ sei er sowieso nur zu Hause und er habe einen elfjährigen Sohn, den er nur ungern zurück in Amerika lasse. Das Label würde auch wollen, dass er mehr toure, aber das wolle er nicht … Andererseits genießt er es, denn würde er nicht fahren, würde er in Amerika denken: „Hm..How would it like to be on tour through Europe“. Das alles erzählt er mir und seine ganz hellblauen Augen schauen in die Ferne, sind eigentlich gar nicht mit mir am Tisch, in Augsburg sondern irgendwie ganz wo anders … Dann – Sonny springt auf und entschuldigt sich: „I hear the bass, I will do the soundcheck now. See you later.“ Und weg ist er.

Das Sonny nicht nur ein musikalischer Künstler ist, hat er schon längst bewiesen. Er schreibt Theaterstücke und wie bereits erwähnt Kurzfilme. Auf seiner Website http://www.sonnysmith.com findet sich eine Kategorie „Writings“ unter der er Geschichten, mal längere, mal kürzere publiziert. „Die Band veröffentlicht seit einigen Jahren regelmäßig wunderbar lässige kleine LO-FI Psych-Folk Meisterwerke und andere Obskuritäten.“ – heißt es wieder treffend im Ankündigungstext des City Clubs; nach dem Konzert (was noch lange nicht das Ende des Abends war – Dank des Psych-Fest DJ Sets), habe ich eine solche  „Obskurität“ in den Händen. Ein Comic. Hier wird mir klar, was sich die ganze Zeit vermuten ließ. Das Anhängsel The Sunsets scheint nur eine austauschbare Gruppe von Musikern zu sein. Durch Europa tourt Sonny mit zwei Spaniern, in Amerika scheint er wieder mit einem anderen Duo unterwegs zu sein. Und der Comic, den Sonny gemeinsam mit dem Künslter B. Montero geschaffen hat, erzählt wohl, wie es zu einem Bruch mit der ersten Sunsets Combo gekommen war. „The freakishly bizarre yet terribly true tales of Sonny and the Sunsets“, heißt da der Titel und alles was Sonny mir noch darauf kritzelt ist: „To (?) True Totally True Story XO Sonny.“ Na ja. Ganz so wird es sich nicht zugetragen haben, denn auf der letzten Seite wird Sonny vom Schlagzeuger erschossen und offensichtlich lebt er ja, noch.

Der Comic scheint jedoch tatsächlich die Gedanken von Sonny wiederzuspiegeln. Auf dem Titelblatt bittet ein Kind „Daddy don’t leave“, weiter geht es um Probleme mit der Musikindustrie, auch das Onlinemusikmagazine Pitchfork bekommt einen kritischen Seitenhieb, es geht um Idealismus im Musikmachen und Banddynamiken. Es stellt Sonny als tyrannischen Bandleader da, gleichzeitig neurotisch zerrissen von allem Guten und Bösen was einem als Musiker begegnen kann. Auch was Sonny vom Touren hält wird hier noch einmal deutlich. Auf der beigelegten Flex-Disc ist zu lesen „Let us travel the world singing“,  darunter ist eine getriebene und panisch dreinblickende Gruppe von Menschen abgebildet.

Weil man all diese Schwierigkeiten, diese Leidenschaft, gleichzeitig aber auch Verzweiflung spührt, ist die Musik von Sonny and The Sunsets, wer auch immer die Sunsets gerade sein mögen, so hörenswert, so besonders. „Ein Psychedelic Konzert wie ich es mir schon immer gewünscht habe. Nicht alle scheinen die Musik verstanden zu haben, am Anfang war ich auch sehr skeptisch, aber das Ende war großartig. Verwirrend, irritierend, ambivalent.“ sagt dann zum Schluss ein ganz besonders charmanter Konzertgast zu mir. Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

Kommende Konzerte: 
Freitag 18. September Revolver Club, Oslo, Norwegen
Samstag 19. September Pustervik, Goteburg, Schweden. 

 

Musik von Sonny And The Sunsets kann über ihr Label Polyvinyl erworben werden: 
https://www.polyvinylrecords.com/#artist/sonny__the_sunsets

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