Schulz!

Ach, neues Olli Album, das ist bestimmt witzig? – Nö, eigentlich nicht.

Regt er sich aber nicht über Assis und Böse Onkelz und so auf? – Nope, eigentlich auch nicht.

Wer immer noch erwartet, dass die Alben von Olli Schulz laute, gewollt-witzige oder pöbel-krawallige Angelegenheiten sind, kennt ihn wohl tatsächlich nur aus dem Fernsehen oder Radio. Wie schon in früheren Fällen hat ein kluger, einfühlsamer Singer-Songwriter eine gute Platte gemacht: Feelings aus der Asche nennt sich das gute Stück von Olli Schulz. – Von der einige Songs hier ein wenig besprochen werden.

Zum Einstieg beginnen wir mit der zweiten Nummer der Platte: Phase. Die Vorab-Single wirkt, wie die meisten Lieder auf diesem insgesamt musikalisch erwachsenem Album, durchaus persönlich & ehrlich. Ein beschwingter Song, einprägsame Melodie, irgendwie aber doch ein bisschen trist. Beim genauen zuhören beschleicht einen das Gefühl, dass Schulz auch ein bisschen über sich selbst singt – und nicht nur über zu wenig Aufmerksamkeit und Liebe eines Mädchens á la Palina Rojinsky, die ebenjenes im ganz nettem Video verkörpert.

Seit den Fernsehauftritten und seinem gestiegenem Bekanntheitsgrad, wächst der Eindruck, Olli Schulz selbst könnte auch „grad’ in so ner Phase“ sein: In der alle etwas von ihm wollen und er unter Druck steht „dauernd geil abliefern zu müssen“, wie er immer sagt. Dazu passt sein Entschluss in der nächsten Zeit erst einmal nicht mehr den Hampelmann in der Flimmerkiste zu machen, an den Rand von Berlin zu ziehen, um mehr Ruhe und Zeit für Familie, sowie Musik zu haben. Des Öfteren lassen sich diese Entscheidungen nachhören – in seiner Radio Sendung Sanft & Sorgfältig, die er ohne Rücksicht auf Verluste, zusammen mit Buddy Jan Böhmermann moderiert. Manchen mag sie zu anstrengend oder zu dödelig sein, aber wer sich auf zwei Stunden Quatsch mit Soße einlassen kann und will – ab und zu kommt auch fetzige Musik – dem sei diese Sendung wärmstens empfohlen.Am besten live auf RadioEins, sonntags gegen Kater: Sanft und Sorgältig auf Radio Eins

Das Gegenstück zu Phase ist der Titel Passt schon: Nun berichtet die Person selbst aus der besungenen Phase. Aus einem Alltag, den nicht nur Künstler, die sonst nichts gelernt haben, kennen, sondern auch die Generation Dings, die zwar was gelernt hat, aber nix verdient und nur Projekte und unbezahlte Praktika macht: Das passt schon irgendwie…genauso wie die Synthiesounds und der coole Basslauf.

Die Zeit, als Musik noch richtig groß war …

… (Titel No.6) muss fantastisch gewesen sein. Jedenfalls habe ich mich selbst auch schon öfter bei dem Gedanken ertappt, dass es damals irgendwie geiler gewesen sein muss. Als es Musik nur im Plattenladen und im Radio gab und Bands dafür verantwortlich waren, dass Menschen kollektiv durchdrehten (#beatlemania). Auf jeden Fall hatte Musik gefühlt mehr Bedeutung. Nicht alles war überall, sofort und ständig verfügbar und Musik nicht nur da, um die Zeit in der U-Bahn zu überbrücken. Andererseits ist es heute natürlich um einiges schwieriger das Establishment mit langen Haaren, engen Lederhosen oder zweideutigen Posen zu schocken. Bei diesem Song stellt man sich ein eine (rausgeschnittene) Szene aus dem Film Almost Famous vor, wo die ganze Familie andächtig um den Plattenspieler sitzt und Stairway to heaven hört, was einfach schön ist. Sich ein ähnliches Szenario mit der neuen David Guetta Single vorzustellen ist deutlich schwieriger … Vielleicht eines der besten Lieder auf dem Album, das auf eine sehr feine Art eine Menge Gefühle transportiert und weckt – typisch Olli. 

Das kann hässlich werden beginnt mit einem ordentlich vorwärts marschierenden Schlagzeug, das man so von Schulz noch nicht gewöhnt war. Was im ersten Moment auch nicht zu den eher traurigen Lyrics passen mag, die (mal wieder) von Liebe und Trennung handeln. Vielleicht aber, das Stürmische und Hässliche von diesen Trennungen ganz gut untermalen. Die hier wohl wirklich unschön war, da ihm beim Betrachten der Wir-besiegeln-unsere-Liebe-mit-einem-Schloss-Schlösser nur auffällt, dass diese „vergammeln und verrosten“. Mit Mann im Regen kommt dann das leise Lied zum Trennungsschmerz. Man könnte es auch Phase Pt. 2. nennen. Eben hängt das lyrische-ich noch zu Hause in der Traufe rum, jetzt steht er im Regen. Sätze wie: „Es bin ich, nicht du“ und „Ich brauch einfach mal Zeit für mich“ kommen einem in den Sinn, ohne dass Schulz sie singt. Der bedröppelte Mann im Regen, stereotypisch so in traurigen Filmen vorkommend, bedrückt einen doch sehr, wie er so dasteht und die Welt beziehungsweise in diesem Fall, seine Freundin nicht mehr versteht.

Feelings aus der Asche, wohl der beste Titel, seitdem es Wortspiele gibt, vermittelt deutlich subtiler Herzschmerz, als frühere Titel wie Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine. Dieser Song erlangt erst im (Kon)text eine Bedeutung: Im Aschenbecher verbrennt das Foto der ehemaligen Liebe und mit diesem auch die letzten Gefühle … Um dann wieder aus der Asche aufzuerstehen?, eine Frage, die sich bei diesem Sprichwortspiel zweifellos aufdrängt.

Zu Beginn wurde diese Platte musikalisch Erwachsen genannt. Man hört ihr deutlich die gute Produktion (mal wieder durch Moses Schneider), ein vernünftiges Studio (Hansa Studio, Berlin) und gute Musiker (z.B. Gisbert zu Knyphausen am Bass und im Background) an. Die Songs sind nicht fragmentarisch, wie auf einigen Alben zuvor, auch Blödelleien sind nicht vorhanden. Die Titel muten etwas düster an, haben aber immer, sowohl in den Texten, als auch in der Musik, fröhliche Momente, die einen nicht vergessen lassen, dass das Leben und Olli Schulz auch ganz witzig sein können. Und selbst wenn bei den ersten Hördurchgängen nicht so viele Ohrwürmer ins Hirn kriechen, so werden sich später immer mehr der schönen Akzente und Texte bei einem festsetzen. Wie das halt oft so ist, bei unserem Boogieman Olli Schulz.

– ein Artikel von Lars Bliesener

(c) Olli Schulz


 

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