Der Sinn liegt im Verborgenen – Hamlet, ein Pianoalbum von Fran & Oded K.dar

„Something is rotten …“ heißt es in Shakespeares Drama mit dem Titel Hamlet. Genau diesen haben sich Sängerin Fran Koletzki und Pianist Oded K.dar (u.a. NÖRD) für ihr kürzlich erschienenes Piano-Projekt geliehen. – Und hier scheint auf den ersten Blick tatsächlich „etwas faul zu sein“, denn von Fran ist man bislang eher elektronisch anmutende Töne gewohnt gewesen. In dem ersten Interview mit wow.ragazzi hatte sie zwar schon einen musikalischen Perspektivwechsel für Herbst angekündigt.  Überrascht war man dann doch von dem ganz auf Stimme und Klavier reduzierten, 14 Coversongs starken Album. Zeit für ein weiteres Interview mit der sympathischen Künstlerin.

Wie kam es überhaupt zu der Zusammenarbeit mit Oded K.dar ? 
FRAN: Oded und ich kennen uns schon seit 10 Jahren. Damals war er gerade frisch aus Israel nach Berlin gezogen. Odeds Großvater war ebenfalls Pianist und hat in Berlin vor dem 2. Weltkrieg Stummfilme am Klavier untermalt. Irgendwie haben unsere Wege damals über einen gemeinsamen Freund zusammen gefunden. Ich wusste anfangs zwar, dass er auch Musiker ist, aber es hat fast zwei Jahre gedauert, bis ich ihn zum ersten Mal live am Klavier erlebt habe. Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen besonderen Moment! 2011 habe ich ihn in die gemeinsame Band von Oliver Koletzki und mir geholt – The Koletzkis.

Als ich 2012 beschlossen habe mein Solo-Album Frantastic zu produzieren, da war Oded meine erste Wahl als Co-Songwriter und Producer. Die Idee für das Hamlet Album hatte ich im Oktober 2013 auf einer Geburtstagsparty. Oded saß neben mir und ich erzählte ihm davon. Er sagte sofort ja und gleich am nächsten Tag trafen wir uns zur ersten Probe! Zum Glück hat er ja gesagt! Er ist  ein vielbeschäftigter Mann. Seine Band NÖRD veröffentlicht bald ihr Debutalbum und nebenbei arbeitet er auch mit vielen anderen Musikerinnen, wie z.B. MiMi Müller-Westernhagen zusammen.

Was hat euch zu diesem puristischem Projekt inspiriert ?
FRAN: Ich höre privat sehr viel Chilly Gonzales. Er ist der „musikalische Mastermind“ hinter der Sängerin Feist und hat sehr viele Stücke mit ihr geschrieben und produziert, unter anderem den von James Blake gecoverten Hit „Limit to your Love“, der auch auf dem Hamlet Album ist. Wer einen Einblick von Gonzales‘ Welt bekommen möchte, dem empfehle ich wärmstens seinen Film „Ivory Tower“, dessen Soundtrack er mit Boys Noize zusammen produziert hat und in dem auch viele seiner kanadischen Freunde wie Peaches und Tiga Hauptrollen spielen. Aber das nur nebenbei…

Oded war verantwortlich für die Umsetzung der akustischen Versionen auf der Großstadtmärchen 2 Deluxe CD. Damals habe ich mit ihm eine Klavierversion von „Still“ aufgenommen und wir haben beide gemerkt, dass uns das sehr viel Spaß macht. Das Klavier war schon immer mein Lieblingsinstrument, schon als Kind. Ein guter Pianist spricht mit seinen Fingern, er erzählt Geschichten.

Das Album besteht ausschließlich aus Coversongs, wieso?
FRAN:  Beim Hamlet Album war unser Ziel den ausgewählten Songs durch die puristische Interpretation zu erlauben, ihren Kern, sozusagen ihre Seele zu offenbaren. Ich sage ganz bewusst, dass die Songs selbst ihren Kern offengelegt haben, nicht ich. Ich selbst habe mich in diesem Prozess eher als Medium verstanden. Ich war nur die Kehle, durch die diese Lieder geflossen sind. Das hat große Ähnlichkeit mit meiner Arbeit als Psychologin, denn auch da ist es meine Aufgabe einen Patienten Schritt für Schritt auf dem Weg zu begleiten, auf dem er sich langsam seinem Kern nähert. Was dabei in Erscheinung tritt liegt im Patienten selbst, nicht in mir. Ich schaffe nur die Rahmenbedingungen, in denen Menschen sich ohne Angst öffnen können. Auch da bin ich also eher ein Medium, das einem Menschen durch Interesse und Einfühlung helfen kann auszusprechen und zu fühlen, was sonst oft überhört wird.

Bei Songs ist es ähnlich. Oft rauscht der Text an einem vorbei, wenn man Songs im Radio oder im Club hört. Zumindest ist das bei mir so. Bei den Gesangsaufnahmen für Hamlet, die sich über das ganze letzte Jahr erstreckt haben, war ich selbst oft sehr überrascht, was eigentlich alles in diesen Songs gesagt wird.

Wie sind die Aufnahmen entstanden? 
Ich habe mir viel Zeit für die Gesangsaufnahmen gelassen und ausschließlich nachts und zuhause aufgenommen, wenn die Wohnung und Berlin ganz still wurde. An manchen Songs saß ich zwei oder drei Nächte, bis ich das Gefühl hatte, den Song verstanden zu haben und seine Seele durch mich hindurch fließen lassen zu können.  Außer „Howling“, diesen Song haben wir im Studio als ersten aufgenommen und ich habe ihn so runtergesungen, wie er jetzt auf dem Album ist. Solche Momente gibt´s auch. Da passiert irgendwas magisches, etwas unantastbares. Deshalb ist „Howling“ auch der Album-Opener.

 

Auf dem Album sind auch Neuaufnahmen eigener Songs von Dir dabei, warum hast Du sie nocheinmal anders, nun so minimalistisch aufgenommen? 

FRAN: Uns war von Anfang an klar, dass  Hypnotized auf jeden Fall mit auf dem Album sein sollte. Oliver und ich hatten mal eine spontane Klavierversion bei einem Radiosender und auch im georgischen Fernsehen gespielt und die Reaktionen darauf waren überwältigend. Alle haben gefragt, wann die Klavierversion von Hypnotized rauskommt…  Also war klar, dass wir das bei Hamlet machen. Der Song Zen Dance ist ja von meinem Soloalbum Frantastic und  ist damals auch auf dem Klavier entstanden. Diese ursprüngliche Klavierversion hat es bisher einfach nur noch nicht an die Öffentlichkeit geschafft. Zen Dance passte aber auch thematisch gut in das Konzept. Dieser Song beschreibt eine Person, die sich in Clubs, Drogen, Partyleben und Alkohol verliert und stellt meine eigene, ganz persönliche Antwort dazu dar. Ich trinke lieber Tee und lese ein Buch. Das ist meine Art Spaß zu haben

Zum Großteil sind es Songs die schon in eine Art musikalischen Club-Kanon gehören. Von Kraftwerks Das Modell bis zu Whigfield’s Saturday Night ist alles dabei. Aber wie genau habt ihr eure Auswahl getroffen? Einfach in den Plattenkisten/MP3 Sammlungen gewühlt?
FRAN: Brainstorming und ausprobieren war die Devise. Wir haben sehr viel mehr Songs auf dem Klavier versucht, als letztlich auf dem Album gelandet sind. Manche haben sehr gut funktioniert, andere weniger. Immer, wenn wir gemerkt haben, dass ein Song durch seine Neuinterpretation auf dem Klavier irgendeine Art von „Wow-Effekt“ in uns auslöste, haben wir weiter gemacht und uns vertieft. Auf das Stück Miss You von Trentemøller hat uns Oliver gebracht. Das kannte ich bis dahin noch gar nicht! Das Album war schon im Sommer 2014 fertig und Stil vor Talent und wir haben damals bewusst ein Release-Date im Herbst gewählt, weil es einfach besser in diese Jahreszeit passt. Seit der Fertigstellung des Albums ist aber so viel passiert, dass die Songs, die ich da eingesungen habe für mich persönlich im Nachhinein eine ganz andere Bedeutung bekommen haben. Damit hätte ich nie gerechnet.

Unteranderem habt ihr auch MGMT’s KIDS eingespielt, einer der meist gecoverten Songs der letzten Jahre. Was macht die Begeisterung an dem Song aus bzw. was genau hat Euch daran begeistert?
FRAN: Wir haben uns prinzipiell keine Coverversionen von den Songs angehört, die wir selbst auf dem Hamlet-Album gecovert haben. Wir wollten ganz frei und unbefangen an die Songs herangehen. Ich war anfangs auch versucht zu recherchieren, was die Originaltexter über den Sinn und die Bedeutung ihrer Songs gesagt haben. Aber dann habe ich es ganz schnell gelassen und mich nur mit der Bedeutung dieser Worte für mich selbst beschäftigt. Dass Kids so oft gecover wurde wusste ich auch noch gar nicht – vielleicht sollte ich das jetzt mal googeln und mir andere Cover anhören. Wie wir auf Kids gekommen sind weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich glaube es war eine Idee von Oded. Der Song ist klasse. Er versprüht eine sehr besondere Atmosphere dadurch, dass er lyrisch so „offen“ geschrieben ist. Jeder kann darin lesen, was er mag. Als wir dann erfahren haben, dass Sarkozy diesen Song für einen Wahlkampf-Spot ohne Einwilligung der Band MGMT verwendet hat und ein riesiger Urherber-Rechtsstreit folgte (den MGMT gewonnen haben), da haben wir die Idee, den Song auf´s Album nehmen zu können ganz schnell wieder vergraben. Umso überraschender war dann, als das „Okay“ von MGMT kam, dass wir das Cover veröffentlichen dürfen. Hat ihnen anscheinend gefallen. Wir sind unglaublich happy darüber.

Ich hab gehört, dass das Projekt ursprünglich einen ganz anderen Namen tragen sollte. Nun trägt es den Namen eines literarischen Heldens. Welche Metapher nimmt dieser Name als euer Albumtitel ein ? Wofür steht Hamlet bei Euch?
FRAN: Ja, das stimmt. Hamlet sollte zuerst „Helmut“ heißen. Dann war Berlin aber eines Tages gepflastert mit Plakaten einer ganz neuen Band names …..Helmut. Pech gehabt! Dann dachte ich, wenn wir schon ein Album mit Coversongs veröffentlichen, dann passt vielleicht ein „gecoverter“ Name auch ganz gut. Ich bin großer Fan von Kate Tempest, einer jungen englischen Poetry-Slamerin, die irgendwie wie ein Kind aussieht, deren Seele aber anscheinend 1000 Jahre alt ist. Auch sie bezieht sich in ihrem Künstlernamen auf ein Werk von Shakespeare: „The Tempest / Der Sturm“. Ich glaube, der Name Hamlet hat sich eher uns ausgesucht, als wir ihn. Was das zu bedeuten hat werde ich auch erst später erfahren. Hamlet rückt noch nicht so recht mit der Sprache raus.

Hast Du ein Lieblingsstück auf dem Album ? 
FRAN: Ich mag Sky and Sand sehr gerne, weil ich mich bei den Backgroundchören so richtig ausgetobt habe. Aber auch My Head is a Jungle und Limit to your Love sind im Moment sehr nah an meinem Herzen.
Natürlich aber auch Sisyphos, denn es ist das einzige Lied, dass für das Album von Oded ganz neu geschrieben wurde. Es reflektiert die Endlosschleife, die ewige Wiederholung, in der sich Menschen verfangen können. Sisyphos wird nach der griechischen Mythologie zurück in die Unterwelt verdammt und rollt dort täglich einen schweren Stein einen Hügel hinauf, der aber kurz vor dem Ziel immer wieder den Abhang hinunterrollt. Er kommt nicht weiter. Jeden Tag passiert das Gleiche. Er kann seinem Schicksal nicht entrinnen. Zudem ist Sisyphos ein bekannter Club in Berlin, in dem ich vor einigen Jahren ein sehr wichtiges Schlüsselerlebnis hatte. Wenn man genau hinhört, dann entdeckt man die rollenden Steine in diesem Lied.

Wird es ein weiteres Projekt geben? 
FRAN: Viele fragen jetzt schon nach einem Fortsetzungsalbum und es ist total spannend, welche Songs die Leute gerne mal als Klaviercover hören würden. Wenn wir genug gute Ideen haben, dann machen wir vielleicht ein weiteres Album. Es ist aber nichts geplant.

Wann und wo kann man Euch mit Hamlet live erleben?
FRAN: Wir wollten zuerst abwarten, wie das Album überhaupt ankommt und haben bis jetzt noch nichts geplant, sondern nur kleine Konzerte in Berlin gespielt. Das machen wir auch noch bis Ende des Jahres weiter. Also Augen und Ohren offen halten! Irgendwo könnt ihr uns bestimmt mal erwischen.

 

HAMLET – Piano 
erschienen am 3. Oktober 2014 bei STIL VOR TALENT

TRACKLIST:

1. Ry X – Howling

2. Kalkbrenner -Sky and Sand

3. Whitest Boy Alive – 1517

4. Wankelmut feat. Emma Louise – My Head is a Jungle

5. Trentemöller – Miss You

6. Moderat – Bad Kingdom

7. Feist – Limit to your Love

8. Fran – Zen Dance

9. MGMT – Kids

10. Oliver Koletzki – Der Mückenschwarm

11. Ace of Base – The Sign

12. Oliver Koletzki & Fran – Hypnotized

13. Kraftwerk – Das Modell

 

Bonustracks:

Whigfiled  – Saturday Night

Haddaway – What is Love

Portishead – Mysterons

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