Radio Haubi

Mal angenommen man wäre mit dem Auto unterwegs und hört dabei Radio. Es ist Sommer und so richtig krass heiß. Man war auf einer Hochzeit, in Bayern. Der Kater krault dir noch den Kopf und eine Freundin, die neben dir am See liegt, in diesem von der Sonne verbrannten Gras, was eigentlich nur noch Heu ist, sagt: Ich hab’ Bock auf Italien. 

Und dann packt ihr das Auto voll mit Kram, ein Zelt, Stühle und sowas und Couscous als Wegzehrung. Einen Grill. Dann kauft ihr Krapfen, Leberkässemmel und Coffee To Go. Ihr fahrt über Bregenz in die Schweiz, weil im Auto seltsamerweise noch eine Autobahnvignette für dieses Ländli klebt. Und immer läuft das Radio. Chrhrhrhh-… Der Sender ist weg. Man, schade, das war ein echt starker Song … Wie heißt der …?  Schaltest Du wieder um? Und immer auch diese Sonne. Der Bodensee glitzert, ihr schaut euch die Festspielbühne an. High Life.

Geil, wieder ein guter Sender. Ein französisches Programm. C’est la vie. Man versteht diese Fremdsprache nicht, weiß nicht so ganz genau, worüber dort gesprochen wird. Und ich bin ganz froh, mal nichts zu verstehen. Denn das ist doch jetzt auch gar nicht wichtig. Ihr saugt die Satzmelodie, die fremd tönenden, die wunderschönen Wortgesänge ein. Und überlegt: Müssen wir denn überhaupt noch weiterfahren? Wir sind doch schon da, in diesem Urlaubsgefühl. Und das nur mit so ein bisschen Autofahren, mit Coffee To Go, mit Leberkässemmel, mit Couscous, mit Seeglitzern und mit guten Radioprogrammen. Aber klar. Weiter geht es, was soll’s … wenn wir auch eh schon unterwegs sind… Außerdem: Bregenz ist nicht Italien, der Bodensee nicht Lago di Como. Und kurz darauf heißt es auch schon: „Grüzi Schwiz“ – Chrhrhhr … Sendersuche. Es tönt: Haubi – Hau – Bi  Songs. 

Jedenfalls könnte es wohl gut so aus Lautsprechern tönen. Denn das neue Album von Nick aus Luzern, um das es eigentlich in diesem Text gehen soll, ist nämlich selbst wie die schönste, nie enden wollende Radioprogrammsuche auf einer Reise mit dem Auto von Augsburg an den Comer See über Bregenz und die Schweiz. 

Nick ist nicht nur, aber auch, die Combo Haubi Songs. Neben ihm besteht sie aus wechselnden Gitarristen, Loopstation und Effektgeräten. Heute am 1. März veröffentlich er sein drittes Album „Highlife“.  Synthie Sounds untermalt er hier mit lyrischen Songtexten in französischer, englischer und schweizerdeutscher Sprache. Zugegeben, beim Anhören versteh ich fast nix. Muss ich aber auch nicht. Warum sollte ich auch?

Schön ist’s sich von den sphärischen, effektschwangeren Sounds davontragen zu lassen und entspannt von diesem Sommerausflug zu träumen. Sich auch ein wenig wegzuducken davor, was der Nick da eigentlich genau besingt. Denn im Pressetext steht: Die Reizüberflutung des Abendlandes, der westliche Wahnsinn – darum geht es, das sei die Inspiration gewesen. Ja, ich weiß, ich weiß. Es ist aktuell schon alles ziemlich schrecklich. Und ich fühle mich natürlich ein wenig ertappt, wenn ich ja selber übertriebene Reize suche und wir nur für zwei, vielleicht drei Nächte an den Comer See heizen. Und die Länder, ihre Flaggen und ihre Sprachen nur an uns vorüber fliegen, damit wir endlich dieses Zitroneneis essen könnnen, und den Cappuccino trinken und die Amore … Ach, aber wie schließt dieser Pressetext von Haubi so schön? „Die Apokalypse hat sich selten so gut angefühlt.“ 

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