ALLEINSAMKEIT

Nach dem Lesen von Ingvild Lothes Gedichtband „Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin?“ hole ich mir erst mal ein Zitroneneis. Das macht ja, wie wir alle wissen, die Zähne weiß. Außerdem habe ich Halsschmerzen und Vitamin C soll da ja ganz gut sein.

Es ist ja auch wieder einmal so unglaublich heiß. Ich hab mir heute schon zum dritten mal den Ausschnitt „It’s Hot In Topeca“ aus Foster’s Home for Imaginary Friends angesehen. Nur diese paar Minuten können den Irrsinn ausdrücken, den ich bei diesem schwülen Wetter, was sich in Deutschland irgendwie so gar nicht gut aushalten lässt, empfinde.

 

 

Und dann hänge ich weiter in der neuen Wohnung eines befreundeten Paares rum. Die haben nämlich jetzt ein Wohnzimmer, nicht dass das der einzige Grund wäre dort zu sein. Aber wir alle drei finden diesen extra Raum mit Fs Sofa drin einfach sehr angenehm. N hat Limo kalt gestellt und ich kann mir einen Kaffee machen. Das Leben ist schön und die beiden eigentlich gar kein Paar. Sie mussten es aber sein, um diese irre Altbauwohnung überhaupt kriegen zu können. Irrsinn über Irrsinn. It’s hot in Topeka.

Es ist aber gut, dass es so sommerlich und irgendwie fröhlich draußen ist. Denn diese Poesie von Ingvild Lothe hat mich irgendwie komisch angefasst. Da ist die Hitze willkommen um gleich alle seltsamen Empfindungen wieder ausschwitzen zu können. In ihren Gedichten ist nämlich etwas, was mich erst mal ein Eis kaufen und etwas Zeit verstreichen lässt. Ich bummel durch die kleinen lüneburger Geschäfte. Ich entschuldige mich, dass ich Eis esse, wenn ich einen Laden betrete und verspreche, nichts vollzuschmieren. Drehe einige Preisschilder um, zucke mit dem Armen, schlender weiter. Ein bisschen Dolce Vita auch hier. Das tut gut. Kurz mal vergessen, was mich da so ungeheuer aufgewühlt hat.

In mir kreisen lose die eben gelesene Sätze. „Das Internet hat mein Leben zerstört.“, „Ich bin ein stiller Mensch. Niemand ruft mich an, wenn jemand anruft, nehme ich nicht ab.“ oder „16. Manchmal nutze ich meine Position als Frau aus.“ Und zwischendrin so viel Selbsthass. Das lyrische Ich, was sich selbst als durchschnittlich und dumm beschreibt. Das lyrische Ich, was als Kind gerne rannte und genau das jetzt einfach nicht mehr kann. Das lyrische Ich, das nichts fühlt, dem nichts fehlt, was sich aber Valium, Rotwein und Tiefen Schlaf wünscht. Ein wilder Ritt in eine fremde Depression. Nicht übel.

Der Pullover fühlt sich kratzig an. Lieber nicht. Aber die neue Kollektion ist um 10% reduziert. Ich gehe langsam wieder zurück in die schöne Altbauwohnung. Kopfsteinpflaster flimmert, meine Kontaktlinsen sind irgendwie so hart. Hallo! Ich bin wieder da! – Hallo Saskia!

In den Gedichten, die doch eher Aphorismen sind, wird der weibliche Körper vom passivem Lustobjekt zu einem aktiven, lustvollen Körper. Es dreht sich dann auch um Vergewaltigung; um ungewollte Schwangerschaft; um Schwangerschaftsabbruch oder um Einsichten wie „manchmal schlafe ich mit Männern, die ich nicht mag.“ Da ist so eine brutale und vulgäre Ehrlichkeit.

Es geht um Sexualität aus der Perspektive eines Menschens der in einem weiblichen Körper lebt. Und irgendwie erscheint es mir, als ob das lyrische Ich immer ein Unbehangen an den eigenen Fantasien hätte, die dann wild aus ihr herausspringen. Die Worte der kleinen Episoden besprechen dieses Spannungsverhältnis, in dem Frauen schon sehr lange Zeit leben. Dieser Umstand, dass Frauen lange Zeit stilisiert worden sind als Accessoire. Als etwas, was von Rockbands besungen wird, als Ding, als Brigitte, als Jane … Als etwas Schönes, etwas Nettes. Wir sind und waren Püppis, Törtchen, sind süß, haben helle Stimmen – sind nett und gar nicht vulgär. Es geht um all diese Dinge, all diese Frauen, die wir in Coca Cola und Pepsi Werbungen sehen. Die uns versprechen, dass wir glücklich sind, wenn wir schön sind, und wenn wir bestimmte Limos trinken…

 

 

Da ist dann diese Schwere, dieses Bizarre: Es geht in diesem kleinen Bändchen darum, dass man eben nicht glücklich ist, nur weil wenn man von der Allgemeinheit als schön anerkannt und deklariert wird. Es geht darum, das doch irgendwie alle erwarten, dass man bitteschön glücklich ist, wenn man ja alles hat, die Schönheit, den Intellekt, das Auto, ja ganz genau, den fucking BMW, wenn man süß ist. Und es sich ja aber so verhält, dass man   zuweilen eben nicht fröhlich und unbeschwert ist und dass das niemand verstehen kann. Es geht um Alleinsamkeit. Es geht um dieses anstrengende Geflecht aus Müssen und Sollen und Zuschreibungen. Um weibliche Stereotypen und die Anforderung unserer Zeit immer und überall dankbar & glücklich zu sein. Das alles wird mit schwerem Witz in den Texten von Ingvild Lothe aufgebrochen. Es wird fein zerbröselt, zerstoßen und aufgegeben, wenn endlich das lyrische Ich feststellt:

 

„Ich bin frisch gefickt und glücklich

hab’ deinen Samen im Mund

wenn ich gehe.“

 

 

 

 

 

Ingvild Lothe wurde 1990 in Norwegen geboren. „Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin?“ erschien im März 2018 beim neugegründeten Nord Verlag in der deutschen Übersetzung von Karl Clemens Kübler.

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