Zuggespräche. Berlin-Lüneburg. Teil Zwei.

Auf dem Gang steht ein Mann, ich höre ihn in sein Handy sprechen. Er diktiert eine Nachricht und spricht dabei die Satzzeichen aus „Ich-möchte-wissen-Komma-wie-du-dir-die-Reise-in-die-Karibik-vorstellst-Punkt-Welche-Reiseroute-möchtest-Du-nehmen-Fragezeichen-Wie-teuer-sind-die-Flüge-Fragezeichen“

„Jetzt müssen wir aber mal das Thema wechseln!“ sagt die Dame lachend. Sie wäre sowieso heute auch ganz neben der Spur, denn sie hätte sich mit ihrer Freundin bis zwei Uhr nachts unterhalten. „Ich war dann schon um halb sechs wiederaufgestanden, weil man ja auch ein bisschen frühstücken vorbereiten will, wenn man einen Gast hat.“

„Kommen Sie denn eigentlich aus Berlin?“

„Nein, Nein!“

Und dann erzählt Sie, dass sie in Hamburg mal Dramaturgin war. „Was für ein toller Beruf!“ finde ich, und erzähle ihr, dass ich es momentan besonders spannend finde, zu hören, was die Menschen so arbeiten, weil ich selber jetzt nach Abschluss meines Studiums nach einer neuen Aufgabe suche. Ich sage, das ich schrecklich gerne hören würde, was sie so in ihrem Leben gearbeitet hat. Und sie sagt: „Ja, Daramturgin ist ein wahnsinnig toller Beruf! Ich musste ihn dann nur aufgeben, denn mein Mann wollte dann unbedingt nach Berlin. Er hat sehr darauf gedrängt.“ Und so waren sie mit zwei Kindern nach Pankow gezogen. „Er hatte dann schnell eine andere Frau.“ sagt sie.

Ich höre ihren noch immer währenden Schmerz, er drückt sich in das Abteil und es zwängt sich noch Verbitterung hinein. Auf einmal ist mir so, als ob der Zug zum platzen gefüllt ist, dass es nicht mehr einen Sitzplatz gäbe, dass er nicht mehr so lose besetzt ist, sondern es unerträglich voll und stickig ist. Es scheint wohl doch so zu sein, dass einen Schmerzen solcher Art ein ganzes Leben lang begleiten können.

„Ich bin dann ein Jahr zu hause geblieben. Danach bin ich über eine Freundin an einen Verlag gekommen und begann als Freie Lektorin. Als jemand in Rente ging, wurde ich in das Büro meines Chefs eingeladen.“ Sie hatte dann eine feste Stelle bekommen, auch dieser Beruf hatte ihr viel Freude gemacht. „Ja und dann kam die Wende. Und alles ging kaputt. Der Verlag konnte mich nicht weiter beschäftigen. Aber uns hat man damals gesagt, dass wir nicht rumjaulen sollen. Ich habe dann eine Buchhandlung aufgemacht.“ Sie wohnte immer noch in Pankow, und da war dann auch die Buchhandlung. „Ja, ich hatte sehr viel Glück, wissen Sie. In meiner Nachbarschaft wohnte Christa Wolf, kennen Sie die?“ Ich nickte, sagte aber nichts, denn ich kannte sie nur dem Namen nach, gelesen hatte ich noch nie etwas von ihr. „Na ja, ich fing dann an, Lesungen mit ihr zu machen. Die wurden immer größer und größer. Wir gingen dann irgendwann in eine Kirche und veranstalteten sie dort. Die Lesungen wurden immer beliebter und ich begann sehr viele Veranstaltungen zu machen. Über Christa Wolf lernte ich auch Günther Grass kennen.“ Sie planten im Winter eine Lesung. „Na ja – Und dann bekam er aufeinmal den Nobelpreis verliehen. Er sagte die Lesung nicht ab und der Andrang wurde enorm!“ Und so führte sie eine sehr erfolgreiche Buchhandlung …

 

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