Zuggespräche. Berlin-Lüneburg. Teil Eins.

Die Fahrt von Berlin nach Lüneburg dauert 2 Stunden und 29 Minuten. Der Inter-Regio-Express Hamburg-Berlin Berlin-Hamburg fährt zwei mal täglich zum Festpreis. Abends ist er teuflisch voll. Freunde die mich aus Berlin kommend in Lüneburg besucht haben, mussten bei der Fahrt sogar schon stehen. Es ist nun aber glücklicherweise so, dass ich den Zug am Morgen um 08.01 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof nehme. Der Zug, ein älteres Modell, bei dem sich die Fenster noch öffnen lassen, ist nur lose belegt. Hier und da sitzen Leute, es ist Sommer, die Sonne scheint schon so hell wie im Winter am Mittag – und irgendwie grell. Ich setzte mich zu einer älteren Dame in ein Abteil. Vorher hatte mir ihre Freundin noch dabei geholfen, meinen Koffer über die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig, die schmale Stahltreppe des Zuges hinaufzuhiefen. Am Tag zuvor war ich aus einem Sardinienurlaub wiedergekommen, in Berlin gelandet und hatte den Abend noch mit einer Freundin verbracht. Berlin hatte mich wie immer maßlos überfordert. Durch den Urlaub noch hauptsächlich Meerrauschen im Kopf, saß ich am überdimensionalen Hauptbahnhof, mit dem Regierungsviertel und den politischen Sorgen im Rücken und dachte versnobter Weise: Was machen wir alle hier? Warum sind wir nicht am Meer?

Die Damen lachen und winken sich zu. So unmerklich wie der Zug eben losgefahren war, hatte sich ein Gespräch zwischen mir und der älteren Dame entsponnen. Sie ist 73 Jahre alt und fährt nach Buxtehude. Freunde besuchen. Walkingstöcker hat sie dabei und an ihrem sonst adretten, gepflegten Aussehen, der graublonden Bobfrisur und Korallenkette, fielen nur die Trekking-Klettsandalen auf. Ich hatte sie gleich ins Herz geschlossen. Wir tauschten uns aus, woher ich kam, woher sie – aus Berlin – wohin wir fuhren und dann sprachen wir über Berlin, überhaupt – diese Stadt. Dann über die digitale Kommunikation. Wir steigerten uns in den herrlichsten Kulturpessimissmus. Wie sehr unserer beider Eindruck nach Smartphones als eine Art Opium fürs Volk fungieren. Dieses ständige ablenkt sein, das Spielen auf Handys, die natürlich auch genutzt werden, um sich zu informieren, jedoch hauptsächlich alle zerstreuten und so unaufmerksam für die Zeichen der Zeit machten und zu Erosionen im freundlichen Miteinander führten. Im Gespräch zog sie langsam einen Plastikgefierbeutel mit Zipverschluss raus. Apfelviertel kamen zum Vorschein. „Möchten Sie auch eine? Ich brauche immer was zum Knabbern.“ Ich wollte. Nie hatten sie mir besser geschmeckt.

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