Damit wird man dann nichts: Das Studium der Kulturwissenschaften

L’université est mort, vive l’université! Im Jahr 1999 stimmten 29 europäische Bildungsministerien einer Hochschulreform zu, die fortan den Namen der Stadt tragen sollte, in der sie verabschiedet wurde: Bologna. Die Motivation hinter dieser fortan als „Bologna‐Prozess“ bezeichneten Reform war, Studiengänge europaweit zu harmonisieren, Auslandsaufenthalte an anderen Universitäten schwellenloser zu machen, Studienzeiten zu verkürzen und Studienabschlüsse international vergleichbarer zu machen. Wahrgenommen häufig als blanke Effizienzsteigerung, die verbrauchte Zeit und somit Geld in den Blick nahm, jedoch inhaltliche Aspekte außer Acht ließ. 2002 wurde im Zuge der Reform das Punktesystem ECTS (European Credit Transfer System) eingeführt, was die Übertragung von Studienleistungen europaweit vereinfachen sollte; ehemalige Diplom‐ und Magisterstudiengänge begannen auszulaufen und wurden durch Bachelor‐ und Masterabschlüsse ersetzt. Ein Magister‐ oder Diplomstudiengang dauerte bislang in der Regel vier bis fünf Jahre, ein Bachelorstudiengang sollte nun innerhalb von drei Jahren absolvierbar sein, ein Masterstudiengang im Allgemeinen in zweien. Ein Trugschluss, wie ich selber erfahren sollte.

1999 starb also die Form von Universität, von der meine Eltern mir Zeit meines Lebens immer vorgeschwärmt hatten – ich war zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Meine nächsten Verwandten hatten selbst zehn Jahre studiert, ihre genaue Semesterzahl können sie mir bis heute nicht nennen – was sie jedoch können und leidenschaftlich tun, ist ganz dezidiert von besuchten Vorlesungen und Seminaren zu berichten. Besonders gern geben sie Anekdoten über einen gewissen Herrn Dr. Lausberg preis („Er sah aus wie ein Penner und er hatte stets sehr viel Kleingeld in seinen zerschlissenen Jackentaschen, wovon er uns manchmal zum Kaffee einlud“, wie meine Mutter gern lachend berichtet). Er habe seine Studierenden stets aufgefordert: „Und jetzt: wiederlegen Sie mich!“ Es waren diese Erzählungen, die in mir schon früh den Wunsch weckten, nach der Schule ein Studium aufzunehmen. Ich wollte verstehen, wer Samuel Beckett war, was das absurde Theater ist, von dem meine Mutter mir oft erzählte, oder was es mit der Neumotivierung der Prometheussage durch Mary Shelley auf sich hatte.

Weniger, jedoch durchaus, interessierten mich die wirtschaftswissenschaftlichen Fächer, die mein Vater studiert hatte – seine Berichte allerdings waren auch weniger witzig als die meiner Mutter. Sei’s drum. So nahm ich also zehn Jahre nach dem Bologna Prozess, im Jahr 2009, das Bachelor of Arts Studium der Europäischen Kulturgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaften an der Universität Augsburg auf. Ich hatte das Privileg, nicht nach der Effizienz, nach der Verwertbarkeit meines Studiums fragen zu müssen, hatten meine Eltern das mit und in ihren Studien doch selbst auch nie getan – und trotzdem war aus ihnen „etwas geworden“. Gleichwohl begegnete mir die Frage nach der Effizienz meines Studiums immer wieder, vorzugsweise auf WG‐Parties und meistens getarnt in Fragen von Jura‐ oder BWL‐Studierenden, die dem Irrglauben anheimgefallen waren, dass ihr Studiengang Wissen vermittele, der ihnen einen Arbeitsplatz schon mit dem Einschreiben in ihre vermeintlich praxisnahen Fächer sichere. Diese beliebte Frage war nicht eine, die wissen wollte: „Was liest du gerade? Womit beschäftigst du dich und warum?“, sondern lautete zumeist: „Und was macht man dann damit?“ Eine Frage, die auf Verwertbarkeit meines gewonnen Wissens abzielte, darauf, wie ich mein im Studium gewonnenesWissen in finanzielles Kapital umwandeln können werde. Eine widerliche Frage, auf die ich irgendwann ablehnte zu antworten; nur selten begegnete ich dieser Frage noch freundlich, wenn ichmich zur folgender Aussage durchringen konnte: „Nichts macht man dann damit. Es ist ein Studium, keine Berufsausbildung.“ Irritiert wurde sich meistens abgewendet, manchmal entspannten sich auch interessante Gespräche darüber, wie denn mit der höheren Mathematik, der Herleitung von Formeln, und was sie da in der BWL sonst noch machen, sich „mein Auto“ und „mein Haus“ kaufen lassen werde. Ist die BWL nicht ähnlich abstrakt wie ein geisteswissenschaftliches Studium? Was ich in diesen Gesprächen jedoch merkte, ist, dass in meiner Zeit nicht Wissen relevant ist, sondern die Praxisnähe, die Verwertbarkeit, das Zählbare, das, was sich im ersten Moment erschließen und anwenden lässt. Was mir aber vermittelt worden war, war eben nicht spezifisches Praxiswissen, sondern Denkweisen auf spezifische Problemfelder anzuwenden, Probleme zu erkennen, zu dekonstruieren und neu zu strukturieren, jedenfalls systematisch aufzuschlüsseln und selbstständig zu lösen – und mir dazu gegebenenfalls auch Unterstützung aus anderen Disziplinen zu holen. Was ich lernte, und was mir später in ersten Berufserfahrungen half, war, eigenständig Sachverhalte, Themenkomplexe und Systeme zu umreißen, einzugrenzen und zu verstehen.

Mein Bachelorstudium schloss ich ab. Die Neugier, was denn eigentlich nun Arbeiten in der Freien Wirtschaft bedeutet, war geweckt, das Interesse, Geld zu verdienen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, wurde dringlicher. Also machte ich über Praktika erste Berufserfahrungen. Als ich 23 Jahre alt war, bot man mir schließlich eine feste Stelle in einem amerikanischen Unternehmen in München an. Nach einiger Überlegung lehnte ab. Irgendwas fehlte, Denkprozesse waren in mir angestoßen, die zu Ende gebracht werden mussten. Was folgt auf das 19. Jahrhundert? hatte ich mich am Ende meines Bachelorstudiums der europäischen Kulturgeschichte gefragt, eine Geschichte, in der sich einige Ursachen für heutige globale Probleme finden lassen. Ein Masterstudium sollte es sein, um das, was angestoßen worden war, abzuschließen. Und hier kam ich erstmals in Konflikt mit dem Bologna‐Prozess. Meine erworbenen Credits und abgeschlossenen Module erlaubten es mir nur aus einer sehr kleinen Auswahl von Masterstudiengängen zu wählen. An der Leuphana wurde ich für den Master Media, Arts and Culture: Kulturwissenschaften angenommen. Eine Universität als Stiftung des öffentlichen Rechts, wodurch sie einen hohen Grad an Autonomie und Eigenverantwortung hat, wie sie sich selbst beschreibt. Eine Universität, die mich einlud „Teil […] [ihrer] innovativen und gesellschaftlich verantwortungsvoll handelnden Graduiertengemeinschaft zu werden.“ Gern, dachte ich. Was mich erwartete, war ein anspruchsvolles Curriculum, was, wie mein neuer Studiendekan am ersten Mastertag verlauten ließ, in den vier Semestern Regelstudienzeit überhaupt nicht zu schaffen sei, oder nur von den wenigsten und unter Erbringung großer Entbehrungen. Er riet uns aber sowieso davon ab, das Studium in Regelstudienzeit zu absolvieren, sondern es so lang wie möglich zu ziehen, außerdem nicht nur Pflichtkurse zu besuchen, sondern uns abseits unserer Module und vor allem auch der Universität inspirieren lassen. Ich studierte schließlich den Master sechs Semester lang. Erwartet wurden in dieser Zeit bis zu fünf Hausarbeiten pro Semester, was einige von uns, mich eingeschlossen, bisweilen zur Verzweiflung trieb. Nie gekannter Leistungsdruck ereilte mich; sicher, der war auch selbstgemacht. Ich war aber angesteckt von dem Enthusiasmus meiner Dozierenden, von denen zwar nicht alle begeisterte Spezialisten ihrer Fächer sind, doch der Großteil. Der kulturwissenschaftliche Master an der Leuphana zeichnet sich in der Tat durch die Nähe zur aktuellen Wissenschaft aus, die Studierenden werden, wenn sie möchten, sehr nah an Promotionsmöglichkeiten herangeführt, können Teil von wissenschaftlichen Konferenzen werden und im Modul „Lehrforschungsprojekt“ eigene Forschungsfelder entwickeln.

Durch engen Kontakt zu Wissenschaftler*innen und Promovierenden schloss sich mir die zuvor als „Blackbox“ empfundene Universität auf. In meinem Fall gelang das auch durch verschiedene Anstellungen als studentische Hilfskraft. Ich lernte den Wissenschaftsbetrieb verstehen, der gegenwärtig hinter einer Universität steht, und der sich maßgeblich von dem zu unterscheiden scheint, was meine Eltern erlebt haben. Eine gänzlich neue Form von Universität hat sich etabliert, nachdem 1999 die alte zu Grabe getragen worden war. Sie scheint mir über Reputationen und vor allem die Anzahl der Publikationen der Lehrenden zu funktionieren und definiert zu werden; über sogenannte „Drittmittelprojekte“, für die „Förderanträge“ geschrieben werden müssen; über mitunter bizarre Strukturen der Zusammenarbeit. Meine Erfahrungen zeigen, dass die Frage nach effizienter Wissenschaft unter dem Aspekt der Praxisnähe, der Verwertbarkeit gestellt wird. Die Leuphana hat dies erkannt und sich innerhalb dieser Tendenz ein eigenes, autonomes Forschungsverhältnis geschaffen. Mit dem neu etablierten Hochschulmodell scheint man sich hier nicht dieser Tendenz schleichend zu unterwerfen, sondern man begegnet ihr ganz konkret, arbeitet damit, schafft sich Räume und geht aktiv und nicht passiv mit diesen Anforderungen um und hat damit tatsächlich ein Hochschulmodell geschaffen, das wettbewerbsfähig ist, in einer Zeit, in der Hochschulen wettbewerbsfähig sein müssen. Sie ist liberal, fordert den Einzelnen auf, Ideen zu entwickeln und dafür zu arbeiten, mit Leistungsdruck, mit dem im Blick, was Effizienz heißt – was anstrengend ist, aber genau dies ist eine Realität, auf die sich heute Studierende einzustellen haben. Dieses neue Modell, vor dem Dozierende sogar gewarnt werden („Gehen sie besser nicht an die Leuphana“, sei einer Dozentin mal geraten worden), ist ein Modell, das die neuen Anforderungen an Wissenschaft erkennt, bearbeitet und damit gleichzeitig verkrustete Machtstrukturen abzutragen vermag. Es bleibt jedoch kritisch zu fragen, ob diese neuen Anforderungen sich positiv auf das Denken und Handeln der Gesellschaft ausüben, oder ob es auch Wege aus diesen Anforderungen heraus gibt; Anforderungen, die eine kybernetische Färbung zu haben scheinen… Aber das wiederum wäre eine andere, medienkulturwissenschaftliche Debatte.

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