Es Kracht

 

Schnell kann es unbequem werden, wenn man sich am literarischen Diskurs um den wohl ewig als Rebellen, und so als Popliterat gebrandmarkten Schweizer Autoren Christian Kracht beteiligt. Zu ungreifbar ist er; zu sehr zu Fehleinschätzungen verführ(t)e er schon die größten Feuilletonisten. Man kann sich eigentlich nur lächerlich machen, wenn man über sein Opus spricht, weil, so der letzte Tenor, man gar nicht weiß, wie man ihn denn lesen und gar verstehen solle, diesen, seinem neusten Protagonisten Emil Nägeli ach so ähnlichen Christian Kracht. Jedoch: Was kann mir als Zugehörige zur niederen Zunft der unbekannten und daher irrelevanten Bloggerinnen schon passieren? Nichts – Der Mantel des Dilettantismus und der Bedeutungslosigkeit umweht mich, also rauf auf das Zugpferd der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, rauf auf Die Toten! Schon allein des Spaßes wegen.

Und sehr viel mehr ist dann auch schon nicht von Die Toten, dem kürzlich neu erschienen Roman von Christian Kracht, zu erwarten. Spaß. Spaß am aberwitzigen Stil Krachts. Diesen Stil, diese Art und Weise des Berichtens, definiert der Erzähler selbst am Besten, wenn er den Charakter Nägelis Vaters treffend resümiert: „[Er], ja, verflucht noch mal, […], hat Humor gehabt unter all der rekursiven, eleganten Brutalität.“ (S.198)

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Schweizer Regisseur, Emil Nägeli, landete einst einen Coup mit seinem Film Die Windmühle, leidet seither jedoch unter Inspirationsmangel, kaut Fingernägel und ist gequält von der Ablehnung seines Vaters, was bei ihm zu Errektionsschwierigkeiten führt. Der Japaner Masahiko Amakasu hingegen will sich  gegen die internationale Allmacht des Hollywoodfilms auflehnen. Er schreibt nach Deutschland an die UFA, schlägt die Gründung einer „zelluloidene Achse“ zwischen Berlin und Tokio vor. Der Chef des Filmunternehmens Alfred Hugenberg, ein Parvenü par excellance, beordert Nägli nach Berlin. Lotte Eisner und Siegfried Karcauer tun ihr übriges und so reist Nägeli schließlich nach Japan um einen deutschen Gruselfilm zu drehen und die Schicksale nehmen ihren Lauf.

Alle Begegnungen sind gespickt mit Erniedrigungen, körperlicher wie sozialer Art, mit Peinlichkeiten, mit subtiler und filigraner Ablehnung, die so, in ihrer eleganten Verstecktheit, unausgesprochen hinter Gesten, in ihrer passiven Agressivität noch mehr schmerzen. Da ist die oben erwähnte Eleganz der Brutalität. Leere Versprechungen, das Spiel mit den Wünschen kleiner Geister, das Ausnutzen von Menschen und ihren Leben für materielle, politische oder sexuelle Zwecke, die doch eigentlich, wertlos sind oder es sein sollten. Der Einzelne wird in diesem Buch nur zum Mittel – wird instrumentalisiert als Geldgeber, als Unterhalter, als Prestigeobjekt – jedoch niemals als Zweck an sich selbst gebraucht. All diese kleinen Episoden – das Abziehen des Fells eines Albinohasens, die zum Steine schleppen verdonnerten Schüler – jedes Geschehen bleibt absolut unhinterfragt, selbstverständlich. Das Grausame wird normalisiert, durch das Überkommen jeder Distanz zwischen Leser- und Erzählerperspektive, wie auch durch die Aufhebung jeder Form von Intimität. So ist es fast der Leser selbst, der als kleiner Junge gegen eine Linde ejakuliert. Das Grausame wird dann noch gleichgültiger, selbstverständlicher durch den Gebrauch überkandidelter Adjektive, altmodischer Ausdrücke und übertriebener, alberner Vergleiche und die dadurch vermittelte Ironie. „Ida gähnte wie ein Löwe.“, wäre ein beispielhafter Satz.

Das ist es nämlich; der Erzähler zwingt dem Leser durch seinen Stil ein Lachen über Szenerien ab, die, ob ihrer Perversität, Brutalität und der schier leidenschaftlichen Darstellung von Grausam- und Unmenschlichkeiten einem schon jede Art von Freude im Halse ersticken lassen sollten. Tun sie aber nicht. Und das ist das Obszöne, das Erstaunliche, das Interessante, dass so genannt Poppige an diesem neuen Werk: Man schmunzelt über zerfleischte Leiber; klopft sich auf die Schenkel bei der Darstellung gequälter Kinderseelen, die aus lauter Verzweiflung in Internaten Feuer legen; lacht über Eltern, die ihre Kinder hassen; man ist erheitert von Seitensprüngen; man ist unterhalten durch sich abmagernde und dann gefallene Sterne Hollywoods. Krachts sublimer Stil vermag es durch den gewaltigen Gebrauch artifizieller Ausdrücke, wie auch durch die bereits erwähnte Aufhebung jeder Distanz zwischen Leser und Erzähler, der Überspitzung (die in mit der Versammlung diverser Filmgrößen wie Heinz Rühmann, Charles Chaplin, Fritz Lang, und doch gerne auch Siegfried Kracauer und Lotte Eisner, begossen mit dekadenten Mengen Champagner zementiert wird) den verkürzten Lachmuskel seiner Leser endlich einmal wieder anzuspannen. Man kann diese in einander laufenden Erzählstränge einfach nicht glauben. Die kurzen, insgesamt 46. Episoden, sind im wahrsten Sinne komisch, merkwürdig, das „Normale“ störend und deshalb dann witzig. Ich wiederhole gedanklich während des Lesens ironisierend das gerade Gelesene und denke: Genau, Christian Kracht – Natürlich treffen sich jetzt Lotte Eisner und Siegfried Kracauer, natürlich dreht ein Schweizer im Auftrag Deutschlands einen deutschen Gruselfilm in Japan wohlmöglich mit Heinz Rühmann, natürlich heißt seine Verlobte Ida von Üxküll. Es ist alles so voll, jedes Klischee wird bedient, alldieweil so unterhalten werden kann.

Und dann ist da aber diese Ahnung. Diese Ahnung, dass es sich so oder so ähnlich doch wahrscheinlich tatsächlich abgespielt haben könnte. Schließlich gab es all die Menschen wirklich, und nicht alle Ereignisse sind erdacht. So hatte es 1932 wirklich einen Anschlag auf den japanischen Premier gegeben und der Tonfilm verdrängte ja doch den Stummfilm und Chaplin. Es breitet sich ein Unbehagen aus und dieses Unbehagen wird durch den fulminanten, artifiziellen, dekadenten Stil Krachts und seinem Mixtape der Filmkultur der dreißiger Jahre hervorgerufen. Den beschriebenen Kulturimperialimus hat es so gegeben und schlimmer noch: tauscht man in folgender Aussage des fiktiven Taxifahrers aus dem Roman Juden gegen Mulime aus, kommt man nicht umhin daran zu denken, dass dies auch ein gegenwärtiger Ausspruch einer rechten und aktuell rasant an Stimmen gewinnenden alternativen, deutschen Partei sein könnte: „Die Juden seien schuld am ganzen Schlamassel, an der Misere. Nur gut, wenn man sie alle wegjage, nach Timbuktu, tief in den fernsten Urwald, wo das animalische Pack hingehöre. Wer hier nicht anständig deutsch leben wolle, der müsse eben gehen, oder gegangen werden, und er zieht sich die Handfläche an der Gurgel entlang.“ (S.118) Es gibt diese unreflektierte, nackte Grausamkeit wirklich und Humor ist bei Kracht, wenn man trotz dieser Brutalität lacht.

Die Menschen machen Menschen zum Mittel, gebrauchen sie nicht als Zweck an sich selbst. Insgeheim wissen wir, das die Welt doch noch viel Grausameres birgt als das Entreißen eines Albinohasens aus der Obhut eines kleinen Jungen, der Emil Nägeli tatsächlich einmal gewesen zu sein schien und dem er in seiner Erinnerung immer wieder begegnet: „Er [Nägeli] sieht vor sich die weißen, links und rechts des Lenkradrundes ruhenden Handschuhe des Fahrer, die ihn in ihrer lauernden Geduldigkeit an Sebastian erinnern, seinen kleinen Albinohasen, dem wie in der chinesischen Folter das Fell abgezogen worden ist, und in diesem Augenblick empfindet er es so, als könnte er sich die Pein der Welt und ihre Grausamkeit für kurze Zeit borgen und sie umkehren, sie in etwas anderes, etwas Gutes verwandeln, als könne er durch seine Kunst heilen.“

Und so pathetisch diese Zeilen auch klingen mögen, genau das tut Christian Kracht. Einmal mehr instrumentalisiert er das Böse, das Schlechte, das politisch Radikale, das Existenzielle, die Angst, den Hass, die Pein und vor allem die Ablehnung für seine literarische Kunst. Er führt uns die Schlechtheit der Welt, ihre vor Angst und Unsicherheit über die eigene Existenz abgekauten Fingernägel mit einer solchen Eleganz und Selbstverständlichkeit vor Augen, dass wir wenigstens über ihre so feine Inszenierung lachen können. Alles was man nicht hören, sehen oder lesen will, also das Brutale, wird gut und alles liegt in einer selbstreferenziellen Metaebene, die gar nicht in all ihren subtilen Verästelungen gefasst werden kann. Dem Ende des im Stil des japanischen Nō Theaters gehalten Romans, könnte man dann auch mit einem Zitat aus Der Gute Mensch von Sezuan von Brecht begegnen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Eindeutigkeit gehört sowieso nicht zu des Autors Kernkomptenzen. Schweizerisch wie er ist, enthält er sich in Interviews stets einer genauen Stellungnahme zu seinem literarischen Schaffen. Mit der eigenen Meinung wohlmöglich jemanden brüsk vor den Kopf zu stoßen, gar einen Konflikt auslösen, negativ auffallen, das würde nicht zu dem elegant in den blonden Bart lächelnden Kracht, der stets fein und adrett gekleidet ist, passen. – Letzlich gestaltet dann nicht nur der Regisseur Nägeli mit seinem neuen Film (der übrigens so heißt, wie das Buch, wie der Erzähler den Leser wissen lässt), „eine Metaphysik der Gegenwart“ (S.154), sondern auch der Autor Christian Kracht selbst. Es ist ein Meisterwerk, Chapeau!

Dass Amakasu eben nicht die internationale Allmacht Nordamerikas zumindestens im kulturellen Bereich aufhalten konnte, zeigt doch wunderbar die gegenwärtige, japanische Popmusik. Eindeutig infiltriert sind ihre Klänge von westlicher Musik. Mir gefällt diese Melange aber gut. Ein kleiner Soundtrack zum neusten krachtschen Lesegenuss:

 

                                                                                                                               

 

 

 

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